Jugend am Werk Steiermark GmbH
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Für ein lebenswertes Leben

Für ein lebenswertes Leben

Von kleinen und großen Schritten – mit der Mobilen sozialpsychiatrischen Betreuung den eigenen Weg gehen.

„Ich kann nun wieder schöne Dinge erleben und die positiven Seiten des Lebens wahrnehmen“, sagt einer der Kundinnen der Mobilen sozialpsychiatrischen Betreuung von Jugend am Werk. Da psychische Erkrankungen nach wie vor ein gesellschaftliches Stigma sind und viele Betroffene Vorbehalte haben, sich öffentlich dazu zu äußern, bleiben ihre Aussagen in diesem Artikel anonym.

Zuhause mobil betreut

Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand ambulante oder stationäre psychiatrische bzw. psychotherapeutische Angebote nicht wahrnehmen kann. „Manche Menschen sind aufgrund ihrer beeinträchtigten körperlichen oder psychischen Gesundheit nicht in der Lage, das Haus zu verlassen“, sagt Alice Schreiner, Leiterin Mobile sozialpsychiatrische Betreuung Graz und Graz-Umgebung. Die Zielgruppe sei vielfältig, was Diagnosen, Herkunft oder Alter betrifft, doch in einem Punkt stimmt sie überein: „Es sind durchwegs Personen, die selbstständig in einer eigenen Wohnung leben und in ihrem selbst gewählten Umfeld bleiben wollen.“ Daher ist eine sozialräumlich gedachte und bedürfnisorientierte Begleitung für Jugend am Werk selbstverständlich.

Wahrnehmen, was ist

Jugend am Werk verfolgt auch in der Mobilen sozialpsychiatrischen Betreuung einen personenzentrierten und ressourcenorientierten Ansatz: „In einem Erstgespräch entwerfen wir einen Betreuungsplan. Das Ausmaß und die Intensität der Begleitung legen wir gemeinsam mit den Betroffenen sowie gegebenenfalls mit ihrem sozialen Umfeld fest“, erklärt Teamleiterin Claudia Grabner-Penkoff. Ein eigens dafür erstellter Fragebogen hilft dabei, die individuellen Problemfelder, Anliegen und Wünsche rasch zu erkennen. „Wichtig ist, sich auf die Lebens- und Beziehungswelt der Menschen, die wir begleiten, einzulassen“, so Grabner-Penkoff weiter. „Wo steht die Person gerade? Welche Ressourcen bringt sie schon mit?“ Während manche Menschen vorübergehend Unterstützung benötigen, sind andere ihr ganzes Leben lang darauf angewiesen.

Eine echte Entlastung

„Der Aufbau der Mobilen sozialpsychiatrischen Betreuung sowie die Ausweitung der Leistung in weitere steirische Bezirke soll auch den stationären Bereich entlasten“, sagt Leiterin Alice Schreiner. In den vergangenen Jahren könne allgemein – mitunter als Folge der Coronapandemie – ein Anstieg von psychischen Erkrankungen beobachtet werden. Vor allem junge Menschen seien immer mehr von psychischen Belastungen betroffen.

Die Arbeit und die Begleitung von Menschen mit psychischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen kann auch für die Mitarbeitenden von Jugend am Werk zur Belastung werden. „Bereits bei der Zusammenstellung des multiprofessionellen Teams in Graz und Graz-Umgebung zu Beginn des Jahres 2023 achteten wir besonders darauf, die Mitarbeitenden ausreichend auf ihr neues Arbeitsfeld vorzubereiten und gut einzuschulen“, so Schreiner. Dazu zählen auch Workshops in Gewaltprävention und Deeskalationstrainings. „Es finden regelmäßig Supervisionen statt und wir fördern einen offenen, ehrlichen Austausch innerhalb des Teams.“ Dies zählte neben einer grundlegenden Etablierung der neuen Leistung sowie der strukturellen Entwicklungsarbeit, abgebildet in Prozessen und Formularen, zu den größten Herausforderungen des vergangenen Jahres.

Veränderung ist ein Prozess

„Der erste Schritt ist getan, selbst wenn der Weg noch ein weiter ist“, sagt Claudia Grabner-Penkoff und meint damit, dass die größte Hürde für viele Menschen meist darin besteht, Hilfe und Unterstützung anzunehmen. „An erster Stelle steht für uns der Beziehungsaufbau, damit wir das Vertrauen der Person gewinnen.“ Im Gegensatz zu Terminen in Ambulanzen oder Ordinationen kommt das Team von Jugend am Werk direkt nach Hause. „Vor allem zu Beginn kann das bei Betroffenen zusätzlich Stress, Ängste oder Belastungen hervorrufen. Es ist auch mit Scham verbunden, wenn jemand beispielsweise in einer unaufgeräumten Wohnung lebt, nicht geduscht ist oder die Post seit Wochen nicht geöffnet hat – das wird bei unserem Besuch natürlich augenscheinlich“, so Grabner-Penkoff.

In der Begleitung gehe es vor allem darum, die Identität der Person zu stärken sowie Unterstützung in lebenspraktischen Dingen und psychosozialen Bereichen anzubieten. Dazu zählen beispielsweise Wohnen, Geldverwaltung, Arztbesuche, Behördenwege oder Ausbildung und Berufseinstieg. Die Mobile sozialpsychiatrische Betreuung ermöglicht nicht nur die Erhaltung des privaten Wohnraums und der persönlichen sozialen Kontakte, sondern regt auch dazu an, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. „Im Sinne der Inklusion ermutigen wir dazu, offen mit den psychischen Erkrankungen umzugehen und darüber zu sprechen“, sagt Alice Schreiner. „Es geht dabei gar nicht darum, welche Diagnosen jemand hat, sondern welche Ressourcen jemand mitbringt.“

Mit kleinen großen Schritten

Selbst kleine Schritte können große Veränderungen bewirken, wie gesammelte Rückmeldungen der Kundinnen und Kunden zeigen: „Seit ich von Jugend am Werk begleitet werde, funktioniert alles besser“, sagt eine Person, die alleine keine Termine mehr einhalten konnte. „Es fällt mir manchmal schwer, mich von meinem alten ICH zu lösen“, meint eine andere und schöpft nach jedem Betreuungsgespräch neue Hoffnung. „Der Mental Load ist endlich weg“, sagt eine, die mit der Vielfalt an administrativen Dingen überfordert gewesen ist. „Du hast mich aus dem Sumpf herausgezogen“, bedankt sich eine andere, die durch die Mobile sozialpsychiatrische Betreuung wieder positive Emotionen empfinden konnte.

Neben umfassender fachärztlicher Begleitung, Psychotherapie und/oder gegebenenfalls der Einnahme von Medikamenten sind es auch die kleinen Dinge im Alltag, die den Menschen neuen Lebensmut und Kraft geben. „Beispielsweise ein Spaziergang, ein Kaffeehausbesuch oder ein gutes Gespräch können zu positiven Veränderungen beitragen“, so Grabner-Penkoff. „Manchmal reicht schon das Wissen, sich an jemanden wenden zu können, wenn es einer/einem schlecht geht.“ So tragen also selbst minimale Dinge und schöne Erlebnisse schrittweise dazu bei, dass aus einem Leben wieder ein lebenswertes Leben wird.

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